Medienpsychologie – Theorien, Wirkungen und digitale Dynamiken

Prof. Dr. Alfred-Joachim Hermanni beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit den Wechselwirkungen zwischen Medien, Kommunikation und menschlichem Erleben. In seinem neuen Buch „Medienpsychologie“ erläutert er nicht nur zentrale Grundbegriffe und theoretische Konzeptionen der Disziplin, sondern ordnet medienpsychologische Fragestellungen auch in aktuelle gesellschaftliche und politische Entwicklungen ein. Darüber hinaus stellt er eigene Modelle vor, die etablierte Ansätze erweitern und neue Perspektiven auf das Fach eröffnen. Im Interview spricht er über die Entstehung des Buches, die Bedeutung der Medienpsychologie in einer zunehmend digitalisierten Welt und die Herausforderungen, vor denen das Fach heute steht.

 

Interview Prof. Dr. Alfred-Joachim Hermanni

ZMK: Welche Fragestellungen faszinieren Sie an der Medienpsychologie besonders?

Professor Hermanni: Mich interessiert vor allem die Frage, wie Medien unsere Wahrnehmung, unser Denken und unsere Entscheidungen beeinflussen. Besonders spannend finde ich, dass viele Medienwirkungen unbewusst ablaufen und dennoch einen erheblichen Einfluss auf Einstellungen und Verhalten ausüben können. Gleichzeitig verändern Digitalisierung, soziale Medien und Künstliche Intelligenz die Bedingungen medialer Kommunikation grundlegend. Dadurch entstehen neue Forschungsfragen, die sich mit klassischen Theorien allein nicht mehr vollständig erklären lassen. Genau an dieser Schnittstelle zwischen bewährten medienpsychologischen Erkenntnissen und digitalen Entwicklungen setzt meine wissenschaftliche Arbeit an.

 

ZMK: Was hat Sie dazu motiviert, das Lehrbuch „Medienpsychologie“ zu schreiben?

Professor Hermanni: In Lehre und Praxis habe ich immer wieder festgestellt, dass klassische Theorien in vielen Lehrbüchern umfassend dargestellt werden, während aktuelle Entwicklungen der digitalen Medienwelt bislang überwiegend in spezialisierten Fachbeiträgen behandelt werden.

Mein Ziel war es deshalb, beide Perspektiven miteinander zu verbinden. Das Buch vermittelt theoretische Grundlagen der Medienpsychologie und zeigt zugleich, wie sich diese auf Phänomene wie Social Media, Influencer, algorithmische Empfehlungssysteme oder Künstliche Intelligenz übertragen lassen. Darüber hinaus war es mir wichtig, Forschungsergebnisse verständlich aufzubereiten und ihre praktische Bedeutung anhand zahlreicher Anwendungsbeispiele zu verdeutlichen. Das Lehrbuch soll Studierenden ebenso wie Praktikern eine wissenschaftlich fundierte Orientierung bieten.

 

ZMK: Sie forschen unter anderem zu Influencer-Illnes – worum geht es dabei?

Professor Hermanni: Mit dem Begriff „Influencer Illness“ beschreibe ich ein theoretisch fundiertes Konzept, das mögliche psychosoziale Belastungen im Zusammenhang mit der intensiven Nutzung von Influencer-Inhalten untersucht. Im Mittelpunkt stehen nicht allgemeine Medienwirkungen, sondern die Frage, welche Folgen entstehen können, wenn sich Menschen über einen längeren Zeitraum emotional stark an Influencer binden und deren Lebensstil, Werte oder Konsumempfehlungen zunehmend übernehmen. Verstärkt werden diese Prozesse durch Algorithmen, die immer wieder ähnliche Inhalte ausspielen und dadurch bestehende Einstellungen und Verhaltensweisen zusätzlich festigen können. In solchen Fällen können kritische Distanz, soziale Vergleichsprozesse und Anpassungstendenzen deutlich zunehmen.

Der Begriff „Influencer Illness“ bezeichnet dabei keine medizinische Diagnose, sondern ein medienpsychologisches Erklärungsmodell, das helfen soll, mögliche Belastungen und Einflussmechanismen im digitalen Medienalltag wissenschaftlich zu beschreiben und besser zu verstehen.

 

ZMK: In Ihrem Buch beschäftigen Sie sich auch mit digitale Einflussoperationen und psychologische Kriegsführung. Warum ist dieses Thema medienpsychologisch relevant?

Professor Hermanni: Digitale Medien werden heute nicht nur zur Information genutzt, sondern zunehmend auch zur gezielten Beeinflussung von Wahrnehmung und Meinungsbildung. Staaten, Organisationen und andere Akteure setzen Desinformation, Propaganda, Deepfakes oder algorithmisch verstärkte Inhalte ein, um politische Einstellungen und gesellschaftliche Debatten gerade auch im Rahmen von militärischen und informationellen Operationen zu beeinflussen.

Medienpsychologisch ist besonders interessant, welche Rolle dabei Mechanismen wie Framing, Priming oder Agenda-Setting spielen. Das Buch zeigt anhand aktueller Beispiele, wie klassische Theorien der Medienpsychologie helfen können, moderne Einflussoperationen besser zu verstehen und kritisch einzuordnen. Medienkompetenz wird dadurch zu einer wichtigen Voraussetzung demokratischer Meinungsbildung.

 

ZMK: Wie verändert Künstliche Intelligenz die Medienpsychologie, und welche Entwicklungen erwarten Sie?

Professor Hermanni: Künstliche Intelligenz verändert die Medienpsychologie in mehrfacher Hinsicht. Einerseits entstehen neue Kommunikationsformen durch generative KI, personalisierte Empfehlungssysteme und intelligente Assistenten, andererseits verändern sich Wahrnehmung, Vertrauen und Informationsverarbeitung der Nutzerinnen und Nutzer. Künftig wird die Forschung stärker untersuchen müssen, wie Menschen mit KI kommunizieren, wie Vertrauen in KI-Systeme entsteht und welche psychologischen Folgen algorithmische Personalisierung langfristig hat.

Gleichzeitig eröffnet KI der Medienpsychologie neue Forschungsmethoden, etwa durch automatisierte Inhaltsanalysen oder die Auswertung großer Datenmengen. Die Verbindung von Psychologie und Künstlicher Intelligenz dürfte deshalb zu den dynamischsten Forschungsfeldern der kommenden Jahre gehören.

 

ZMK: Wo sehen Sie derzeit die größten Forschungslücken in der Medienpsychologie?

Viele klassische Medienwirkungstheorien wurden für traditionelle Massenmedien entwickelt und müssen für algorithmisch gesteuerte Plattformen weiterentwickelt werden. Noch vergleichsweise wenig erforscht sind die langfristigen psychologischen Auswirkungen personalisierter Informationsumgebungen, KI-generierter Inhalte und digitaler Einflussoperationen. Auch die Wechselwirkungen zwischen Informationsüberflutung, Orientierungslosigkeit und psychischer Gesundheit verdienen aus meiner Sicht deutlich mehr Aufmerksamkeit. Hinzu kommt die Frage, wie Medienkompetenz gestärkt werden kann, um Desinformation und manipulativen Kommunikationsstrategien wirksam zu begegnen. Die Medienpsychologie steht daher vor der Aufgabe, ihre theoretischen Modelle kontinuierlich an die Dynamik digitaler Medienwelten anzupassen.

 

Zum Abschluss des Interviews habe ich noch einen kleinen Tipp für Studierende und alle Interessierten des „Zentrums für Medienkultur“. Wer sein Wissen über Medienpsychologie vertiefen und zugleich überprüfen möchte, hat mit einem kostenlosen Medienpsychologie-Quiz dazu die passende Gelegenheit: https://wissensbank.info/MEDIENPSYCHOLOGIE-QUIZ