Das gehört gehört: Die Rolle von journalistischen Podcasts für die digitale Medienlandschaft und innovatives Storytelling

Der Beitrag zeichnet die Entwicklung des journalistischen Podcastings in Deutschland im Sinne einer digitalen Mediengeschichte nach. Ausgehend vom sogenannten ›Audio Turn‹ – der verstärkten Hinwendung des Journalismus zu auditiven Formaten als Reaktion auf veränderte Rezeptionsgewohnheiten, technologischen Wandel und neue Refinanzierungsstrategien – verorten die Autor:innen Podcasts als exemplarisches Format der Widersprüche und Brückenschläge des digitalen Journalismus: zwischen publizistischem Anspruch und kommerzieller Verwertungslogik, zwischen Intimität und Markenbindung.

Nach einem Überblick über aktuelle Nutzungszahlen – 2024 hören rund 30 Prozent der deutschen Bevölkerung ab 14 Jahren regelmäßig Podcasts, ein Anteil, der sich binnen fünf Jahren mehr als verdoppelt hat – gliedert sich die Analyse in vier Phasen: (1) Pioniergeist und Nischenkultur, geprägt durch die RSS-Technologie und frühe Experimente; (2) Wachstum und Mainstreamadaption, in der etablierte Verlage wie Die Zeit das Format in ihre Digitalstrategie integrieren; (3) Professionalisierung und Monetarisierung, ausgelöst durch den internationalen Erfolg von ›Serial‹ (2014) und seriellem Erzählen; sowie (4) Diversifizierung und Technologisierung, beschleunigt durch den Corona-Boom und den zunehmenden Einsatz künstlicher Intelligenz.

Abschließend diskutiert der Beitrag Perspektiven und Spannungsfelder journalistischer Podcasts – etwa Fragen nach Monetarisierung und redaktioneller Unabhängigkeit, der Rolle nahbarer Hostfiguren, Repräsentation und Diversität sowie einer möglichen Marktkonsolidierung im Sinne einer ›Winner-takes-all‹-Dynamik.

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Interview mit Prof. Dr. Till Krause zur Rolle von journalistischen Podcasts für die digitale Medienlandschaft und innovatives Storytelling:
 

ZMK: Was macht das Besondere des Mediums Podcast aus?
Es ist eine Stimme direkt im Ohr, oft über Kopfhörer, näher dran als jedes andere Medium. Wie Vera Katzenberger und ich in unserer Analyse herausgearbeitet haben, trägt diese Intimität sehr zum Erfolg des Formats bei. Eine Zeitung kann das nicht, ein Fernsehbeitrag auch nicht, der ist zu laut und zu beschäftigt mit Bildern. Dazu kommt eine zweite Eigenheit: Der Podcast kann sich richtig Zeit nehmen. Eine Recherche darf teils mehrere Stunden dauern, über sechs Folgen, mit Umwegen und Sackgassen. Der sehr tolle deutsche Podcast »Die Peter Thiel Story«, rollt das Leben des umstrittenen Investors über sechs Episoden aus. So viel Platz gibt einem heute sonst kaum ein Medium.

ZMK: Wie erklären Sie sich, dass dieses Medium aktuell so stark den Zeitgeist trifft, obwohl wir in einem »visuellen Zeitalter« leben? Welche Hörgewohnheiten spielen dabei eine Rolle?
Gerade weil wir in einem visuellen Zeitalter leben, sind Podcasts so gefragt. Wir starren ja den ganzen Tag auf Bildschirme, vom Handy beim Aufwachen bis zum Fernseher am Abend. Die Augen sind erschöpft. Und dann kommt ein Medium, das nur ein freies Ohr will. Man muss nicht hinschauen, man darf währenddessen leben.
Denn der Podcast ist das große Nebenbei-Medium. Er hat sich genau in die Lücken des Alltags geschoben, die früher leer waren: die zwanzig Minuten U-Bahn, die Stunde Bügeln, der Weg zur Arbeit. Kaum jemand setzt sich extra hin und hört. Man hört, während man kocht, läuft oder putzt. Über zwei Drittel der gesamten Nutzungsdauer entfallen aufs Smartphone. In einer Welt voller Dreißig-Sekunden-Clips ist eine Stimme, die sich Zeit nimmt, zu etwas fast schon Tröstlichem geworden.

ZMK: Welche Podcasts sehen Sie als fundamental wichtig für die Entwicklung des Genres und aus welchen Gründen?
Es gibt einen Punkt, der als Meilenstein gilt: Herbst 2014. Da erscheint die US-Serie »Serial«, in den ersten Monaten mehr als 80 Millionen Mal heruntergeladen. Die Reporterin Sarah Koenig rollt darin einen alten Mordfall auf und weiß selbst nicht, wie er ausgeht. Sie nimmt das Publikum mit in den Zweifel, baut Cliffhanger ein wie sonst nur das Fernsehen. Damit war die Blaupause für das narrative Storytelling geschrieben, von der bis heute fast jeder gute Podcast zehrt.
In Deutschland gehört »Zeit Verbrechen« zu den Top-Serien, die mit wenigen Hörerinnen und Hörern startete und heute regelmäßig ein Millionenpublikum erreicht.
Spannend ist, was daraus inzwischen wird. Die beiden Hosts von »Mord auf Ex«, Linn Schütze und Leonie Bartsch füllen die Münchner Olympiahalle, die Macher von »Zeit Verbrechen« sind im Herbst 2025 auf Live-Tour gegangen. Vera Katzenberger und ich lesen das als Ausdruck einer relational economy: Verkauft wird die Beziehung selbst. Wer eine parasoziale Bindung zu den Hosts aufgebaut hat, ist auch bereit, Eintritt zu zahlen oder Merch zu kaufen. Podcasts haben echte Fans, die jede Folge hören. Das Gefühl, die Hosts seien eigentlich Freunde, obwohl man sie nie getroffen hat, ist nicht selten. Die Hörerinnen und Hörer von »Zeit Verbrechen« kennen die Stimmen von Sabine Rückert und Andreas Sentker besser als die mancher Nachbarn.

ZMK: Was wird sich mit der zunehmenden Integration von KI in das Medium ändern?
KI macht die Produktion billiger und schneller, synthetisiert Stimmen, übersetzt Folgen in Sekunden. Googles Tool NotebookLM erzeugt aus jedem Dokument einen kompletten Plauder-Podcast mit zwei künstlichen Hosts. Das funktioniert als Tool schon ziemlich gut. Aber das Versprechen des Podcasts war ja die Echtheit. Was passiert mit der Intimität, wenn man nicht mehr weiß, ob da überhaupt ein Mensch atmet? Und wem gehört eigentlich die Stimme einer Journalistin, ihr selbst oder dem Verlag?
Meine Vermutung: Es wird auseinanderdriften. Auf der einen Seite die automatisierte KI-Massenware, auf der anderen ein neuer Wert des Echten. Je leichter sich Stimmen erzeugen lassen, desto kostbarer wird der Beweis, dass da wirklich ein Mensch spricht.
Und hier liegt die eigentliche Pointe. In der Branche redet man viel davon, wie leicht sich Podcasts inzwischen synthetisieren lassen. Nur hört kaum jemand diese KI-Podcasts wirklich gern. Zumindest momentan. Dies weiter zu untersuchen ist ein wichtiger Teil unserer Forschung.