Heimat als Prozess
Bilder von Kindheitslandschaften und die medialen Inszenierungen des Heimatfilms prägen unsere Vorstellung von Identität. Die Arbeiten von Dr. Barbara Knorpp untersuchen, wie der Begriff „Heimat“ angesichts künstlich veränderter Landschaften und moderner Hochhausarchitektur medial und kulturell konstruiert wird. Der Fokus liegt auf der Analyse visueller Quellen, historischer Diskurse und den gelebten Erfahrungen der Betroffenen. Durch ausführliche Interviews wird deutlich, dass Heimat kein starrer Zustand ist. Die Konfrontation mit dem Künstlichen rückt den menschlichen Prozess der Aneignung in den Vordergrund und führt zu einer neuen, kontextbezogenen Bewertung von Heimat.
Interview mit Dr. Barbara Knorpp:
Warum ist der deutsche Begriff „Heimat“ unübersetzbar?
Dr. Knorpp: Das Wort Heimat ist eng mit der deutschen Geschichte und Kultur verbunden. Ursprünglich handelte es sich um einen rein juristischen Begriff, der Haus und Hof beinhaltete. Im frühen 19. Jahrhundert kamen die ersten Heimatvereine auf, die begannen ihre eigene lokale Geschichte aufzuschreiben und zu erforschen. Dazu kam, daß dieses Jahrhundert die Zeit des Sammelns war. Alltagsgegenstände, Fossilien und Flora waren Teil einer Sammelleidenschaft, die im Kolonialismus weitergeführt wurde und unzählige Objekte aus aller Welt in europäische Museen trug. Im Beginn der Industrialisierung kam der Gedanke des Heimatschutzes auf, der sich darum bemühte, alte Architektur aber auch Landschaften vor der Zerstörung zu bewahren. Im beginnenden 20. Jahrhundert begann eine Form des Heimatromans zu entstehen, der sehr populär wurde sowohl der Anfang der sogenannten Heimatfilme, vor allem Bergfilme, die die Schönheit urdeutscher Landschaften zu schätzen wußte und in zahlreichen Dokumentarfilmen abgebildet wurde. Leni Riefenstahl war einer der ersten, deren Filme ein breites Publikum fanden. Der Heimat Begriff ist natürlich auch fest im Faschismus verankert, währenddessen Heimat der Nation gleichgesetzt wurde, der von Rassismus geprägt wurde und die barbarische Ermordung aller Nicht Deutschen, also hauptsächlich jüdische Menschen, aber auch Sinti und Roma, Behinderte, Homosexuelle und Kommunisten zum Opfer fielen. Nach dem Krieg versuchte das Genre des romantischen Heimatfilms die Vergangenheit zu vergessen und ein Millionenpublikum strömte in die Kinos um kitschige Geschichten auf der Leinwand zu sehen. Erst in den 1980er Jahren, durch die Produktion von Edgar Reitz Heimat im deutschen Fernsehen, konnte der Heimatbegriff wieder einen guten Klang erhalten. Bis heute ist der Heimatbegriff mit Film, Umweltschutz und Lokalgeschichte verbunden, die unübersetzbar sind.
Haben Deutsche einen besonderen Bezug zur Heimat und falls ja, warum?
Dr. Knorpp: Durch die besondere Geschichte des Heimatbegriffs, die ich soeben aufgezeigt habe, erlaubt dieses Wort eine emotionale Verbindung zur Umgebung und Umwelt, die die Menschen teilen können und als lebensnotwendig verstehen. Heimat hat natürlich auch etwas mit den Sinnen zu tun. Ein bestimmter Geruch, Geschmack in der Form von Essen oder ein Getränk, aber auch bestimmte Geräusche können ein Heimatgefühl auslösen.
Welchen Bezug haben Sie selbst zur „Heimat“, welche Assoziationen kommen Ihnen?
Dr. Knorpp: Ich hatte zu dem Wort Heimat eigentlich lange kein gutes Verhältnis, weil es mich an urdeutsche Bräuche und Traditionen, an bayerische Landschaften, Trachten und Volkslieder erinnerte. Erst durch Edgar Reitz großartige Serie kam ein anderes Bild zutage. Heimat für mich ist eher das Dazwischen Sein, sich auf Reisen befinden, nicht dazuzugehören, was in der Anthropologie als „Liminal Space“ verstanden wird. Es ist ein sehr schwerlastiger Begriff, der seiner Geschichte nicht entkommen kann. Ich habe also noch immer ein gespaltenes Verhältnis zum Heimat Begriff.
Welches Heimatmuseum können Sie empfehlen und warum?
Dr. Knorpp: Ich kenne nicht sehr viele Heimatmuseen. Das Heimatmuseum meiner Kindheit liegt in Kommern in der Eifel bei Köln und ist ein Freilichtmuseum, wo es traditionelle historische Häuser gibt, in denen man die alten Möbel und Gegenstände bewundern kann, aber wo es auch Wald zum Spazierengehen, Nutztiere und Gärten gibt. Das war immer ein sehr lohnenswertes Ausflugsziel.