Fotoethnographie im Wandel

Ulrich Hägele zählt zu den bekanntesten deutschen Wissenschaftlern im Bereich der visuellen Anthropologie und Fotografie. Er lehrt und forscht an der Universität Tübingen und beschäftigt sich seit vielen Jahren mit der ethnografischen Fotografie, der Geschichte und den kulturellen Verwendungsweisen fotografischer Bilder sowie mit dem Verhältnis von visueller Praxis, wissenschaftlicher Erkenntnis und kultureller Repräsentation. Ein besonderer Schwerpunkt seiner Arbeit liegt auf der Frage, wie Fotografien in unterschiedlichen gesellschaftlichen und kulturellen Kontexten entstehen, verwendet und interpretiert werden. Mit seinen Forschungen und Publikationen hat Hägele die Auseinandersetzung mit Fotografie als ethnografischem und wissenschaftlichem Medium in Deutschland maßgeblich mitgeprägt. Darüber hinaus engagiert er sich in der visuellen Anthropologie und in der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit aktuellen Entwicklungen der Fotografie.

Interview mit PD Dr. Ulrich Hägele zu Fotoethnographie im Wandel
 

Sie sind unter anderem als „Fotoethnograph“ bekannt – wie hängen die beiden Bereiche Fotografie und Ethnographie für Sie zusammen? Wie unterscheidet sich Ihre Perspektive von frühen Perspektiven, etwa Franz Boas oder Margaret Mead und Gregory Bateson?

U.H.: Als Empirischer Kulturwissenschaftler zählt für mich die fotografische Aufnahme zu den wichtigsten Tools im Forschungsfeld. Fotografieren kann man als teilnehmender Beobachter oder auch aktiv, um je nach wissenschaftlichem Thema, Tätigkeiten des Alltags, Menschen oder Gegenstände oder Menschen visuell festzuhalten und zu dokumentieren. Die Fotografie und der Film können aber nicht nur Werkzeuge, sondern auch primäre Gegenstände der Forschung sein.
Die von Ihnen angesprochenen Vorreiter*innen der visuellen Ethnografie hatten noch keinen quellenkritischen Zugang und standen allesamt im Spannungsfeld des weißen Kolonialismus‘ – gleichbedeutend mit Rassismus, Unterdrückung und Ausbeutung. Franz Boas stellte 1893 auf der Weltausstellung in Chicago mit Native Americans Bräuche und Lebensweisen nach – die „Indianer“ mussten sich dann begaffen lassen wie im Zoo! Oder Gregory Bateson: Er fragte in den 1930er Jahren während des berühmten Projekts auf Bali nicht lange nach, ob er die „eingeborenen“ Dorfbewohner*innen fotografieren darf. Seine Partnerin Margaret Mead hielt die Menschen vor Ort sogar an, ihre traditionellen Bräuche und Tänze kameragerecht – also nicht wie üblich abends bei Dunkelheit, sondern tagsüber zu inszenieren. Das wäre heute ein absolutes No-Go.

Welche Rolle spielt Fotografie Ihrer Einschätzung nach heute in der Ethnographie?

U.H.: Die Arbeit mit Bildquellen – die Visuelle Ethnographie oder Visuelle Anthropologie, wie mein Arbeitsbereich an der Tübinger Universität heißt – schließt als Quellen ausdrücklich die stehenden und die laufenden Bilder wie auch die Zeichnung und Karikatur sowie andere Formen der Visualisierung mit ein. Was noch vor nicht allzu langer Zeit als Hilfswissenschaft in der Kunstgeschichte, Archäologie, Volkskunde, Erziehungswissenschaft oder Ethnographie eher ein Randphänomen gewesen war, hat sich zu einer eigenen Disziplin entwickelt. Natürlich sind die zu erforschenden Themen nicht zuletzt durch die Bilderflut im Internet vielfältiger und kaum mehr überschaubar geworden. Allerdings hat die visuelle Ethnographie auch im klassischen analogen Bereich der alten Fotografien, Super-8-Filme oder Fotoalben sehr viel zu tun. Zudem dürften viele Bilder aus früheren Forschungsprojekten und Sammlungen in der Volkskunde und Empirischen Kulturwissenschaft wie auch in der Ethnologie, Archäologie und Erziehungswissenschaft noch nicht hinlänglich ausgewertet sein – allein dies wäre eine riesige Aufgabe, denn unsere Archive sind voller Bilder.

Was kann partizipative Fotografie leisten, was eine Fotografie, die ausschließlich von der Forscherin oder dem Forscher produziert wird, nicht leisten kann? Können Sie hierfür Beispiele nennen?

U.H.: Die partizipative Fotografie als Methode im Forschungsfeld wird auch substituive fotografische Befragung genannt. Sie entstand Anfang der 1980er Jahre in der Soziologie. Das Neue daran: Nicht mehr die Forschenden zückten ihren Fotoapparat, um zu dokumentieren, sondern die Beforschten bekamen die Aufgabe, zum Beispiel eine Woche lang ihren Alltag zu dokumentieren – das Leben in den eigenen vier Wänden, bei der Freizeitgestaltung oder am Arbeitsplatz. Hierzu sehr beliebt waren einfache Polaroid-Aufnahmen, das Equipment dazu bekamen die ausgewählten Personen zur Verfügung gestellt. Die so entstandenen Bilder werteten die Forscher*innen dann anhand von sogenannten Fotointerviews je nach wissenschaftlicher Fragestellung aus. Eine weitere Möglichkeit an der Forschung zu partizipieren, ist dann noch das fotografische Tagebuch, das die Proband*innen ebenfalls zu einer bestimmten Fragestellung über einen gewissen Zeitraum mit eigenen Bildern und Texten führen müssen. Ein Nachteil ist der sehr große Arbeitsaufwand; der Vorteil: Die Protagonist*innen können ihre Umgebung relativ frei fotografisch oder filmisch aufzeichnen, ohne dass immer jemand aus der Wissenschaft um sie herum schwirrt. Das „objektive“ Bild gibt es allerdings nicht. Auch die von Forscher*innen geknipsten Bilder sind nicht frei von subjektiver Wahrnehmung.

Durch digitale Bildwelten hat sich viel verändert in der ethnographischen Fotografie. Wo ziehen Sie die Grenze zwischen fotografischer Dokumentation, Inszenierung und generativer Bildproduktion?

U.H.: Die Grenzen sind fließend und nur schwer voneinander zu trennen. Eigentlich sollte man das zu erforschende Bild immer quellenkritisch betrachten – ob es dokumentarisch entstanden ist oder als inszeniertes Selfie oder sozusagen aus der Retorte mit KI generiert. Das selbe gilt auch für Video-Clips und Filme. Wenn man das betreffende visuelle Erzeugnis für die Untersuchung dann als Ausdruck vor sich liegen hat, oder auf dem Bildschirm in digitaler Form sieht, dann gelten eben die Gesetze der wissenschaftlichen Bildanalyse, die natürlich die Frage nach Herkunft und Urheberschaft miteinschließt.

Was hat sich aus Ihrer Sicht am Status des ethnographischen Bildes durch digitale und generative Bildtechnologien grundlegend verändert?

U.H.: Ob sich etwas grundlegend verändert hat, diese Frage kann ich ihnen noch nicht beantworten. In der visuellen Ethnographie steht ja immer das Bild als Quelle im Vordergrund – ganz gleich ob es nun analog, digital oder mit KI erzeugt worden ist. Sicherlich haben wir mit Programmen wie Gemini oder ChatGPT auch neue Möglichkeiten für die Bildanalyse gewonnen. Wenn man zum Beispiel eine Fotografie unbekannter Herkunft geografisch verorten möchte, dann ist das nun mit ein paar Maus-Clicks möglich geworden. Aber: Bei einem meiner letzten Lehrforschungsprojekte in der Medienwissenschaft an der Uni Tübingen wollten wir mehr über ein Konvolut von Fotografien aus der Zeit um 1905 mit unbekannter Provenienz wissen. Das Ergebnis mit dem KI-Tool war bescheiden, gefunden haben wir praktisch Null oder irgendwelche Phantastereien, die uns in die Irre führten. Viel mehr brachte schließlich ein mit Bildern aus unserer Sammlung illustrierter Artikel in der analogen Tageszeitung ein: Wir bekamen Zuschriften und konnten so den Entstehungskontext der meisten Bilder klären. KI hilft eben nur dann, wenn es einen entsprechenden Input oder eine Quelle im Internet gibt.

Kann ein mit KI generiertes Bild überhaupt als ethnographisches Bild verstanden werden, wenn keine Kamera und kein fotografischer Akt im klassischen Sinne dahinterstehen?

U.H.: Ja, da bin ich mir sicher. Entscheidend ist aber wie gesagt, dass man den Entstehungskontext in Erfahrung bringen kann. Und das ist in Zeiten von KI nicht immer einfach. Bildethnographische Forschung schließt zum Beispiel auch Propagandafotografien, Fotomontagen und Karikaturen mit ein. Das bedeutet, auch die hetzerischen und in großen Teilen rassistischen Wahlkampfbilder der vorigen Wahlen in den USA – vorzugsweise über die Kandidatin Kamala Harris können Gegenstand der ethnographischen Forschung sein, wie übrigens auch die Eigenkreationen eines Donald Trump – der sich gerne wechselseitig als Herrscher der Welt, Jesus Christus oder Papst sieht.

Gibt es Aspekte der historischen Fotoethnographie, die für den Umgang mit generativer KI heute – vielleicht sogar überraschend – relevant sind?

U.H.: Vielleicht, wenn man den Massencharakter mancher Sammlungen anschaut. Wir haben hier in einem Tübinger Archiv rund 150.000 Bilder von Heinz Pietsch, der von den 1950er bis in die 1980er Jahre sehr ausgefalle Bilder vom Alltagsleben fotografiert hat. Mit KI ließe sich der Zugang möglicherweise vereinfachen. Davor müsste man die ganzen analog überlieferten Bilder aber alle erstmal digital lesbar machen. Und das kostet Zeit und Geld. Ansonsten ließen sich mit KI – eventuell zu Lehr- und Anschauungszwecken – Bilder historischer Begebenheiten erzeugen, die es gar nicht gibt. Ein Beispiel wäre der im Netz kursierende Video-Clip mit dem fiktiven und aus der Retorte generierten Interview mit Passagieren und Besatzungsmitgliedern der Titanic von 1912. Seriös gemacht, müsste in jedem Fall vermerkt sein, welches Tool man verwendet hat und welche Prompts dafür eingegeben worden sind.