Interview mit Prof. Dr. phil Maja Tabea Jerrentrup zu KI und Kunst:
KI soll meine Wäsche waschen und meine Wohnung putzen – aber nicht meine Kunst machen! Müssen wir es als Nachteil sehe, dass KI ausgerechnet in Sachen Bild- und Textgenerierung so weit gediehen ist?
MJ: Ausgerechnet die Übernahme von dem, was wir nicht nur gerne tun, sondern was uns auch als Mensch ausmacht – nicht nur logisches Denken, sondern Kreativität, Fantasie – schmerzt uns und geht uns an die Nieren: Wer sind wir, wenn uns dies nicht mehr auszeichnet? Was bleibt uns Menschen?
Allerdings gibt es auch Vorteile. Es ist immer noch ein Mensch, der nach seinen Präferenzen promptet und selektiert. Hierfür braucht man nicht wie bei traditionellen Künsten eine langwierige Ausbildung, Geld und Zeit, sondern man kann im Handumdrehen visuell ansprechende und personalisierte Werke erschaffen. Die Software ist für jeden, der einen durchschnittlichen Rechner oder Smartphone besitzt, zugänglich und kostet selbst in Abomodellen nur ein Bruchteil dessen, was beispielsweise ein Malkurs oder Fotoequipment kosten würde.
Diese Eigenschaft von KI kann man als Demokratisierung bezeichnen.
Ist es denn wünschenswert, dass Kunst in dem Maße demokratisiert wird? Führt das nicht zwangsläufig zu Kitsch?
MJ: Schon jetzt gibt es etwas, das man als „KI Aesthetic“ beschreibt: Die Gesichter sind etwas zu makellos, die Hälse zu lang, die Farben zu leuchtend. Oft wird die als Kitsch bezeichnet. Diesen Begriff halte ich jedoch für elitistisch und ethnozentrisch. Warum sollten man den „Geschmack der Masse“ zwangsläufig für minderwertig halten? Die Geschichte hat auch oft genug gezeigt, dass ein Stil, der heute verpönt ist, morgen schon wieder in Trend liegen kann. Ein Urteil über Kunst zu fällen ist schwierig, denn, wie schon Arturo Danto gesagt hat, gibt es keine spezielle Art und Weise, wie Kunst auszusehen hat.
Aber fehlt nicht die Arbeit, wenn etwas mit nur einem Klick hergestellt werden kann?
MJ: Arbeit oder Mühe kann tatsächlich als ein zentraler Begriff gesehen werden, auch verbunden mit dem Herzblut, das ein Künstler in seiner Arbeit steckt. Allerdings müsste man dann konsequenterweise auch Pollocks Drip Paintings, Rothkos Farbflächen, Duchamps Fountain und überhaupt weite Teile der modernen Kunst infrage stellen. Mühe ist kein ausreichendes Kriterium.
Sollte Kunst nicht wenigstens zum Nachdenken anregen?
MJ: Kann… aber muss nicht. Religiös motivierte Kunst war eher zur Kontemplation oder zum Storytelling gedacht. Viele außereuropäische Kunst dient Ritualen oder auch der emotionalen Ansprache. Zum Nachdenken anregen ist nur eine von vielen Aufgaben. Manchmal steht auch einfach der Genuss im Vordergrund.
Was bedeutet die Entwicklung für praktizierende Künstler?
MJ: Kunst war immer im Wandel. Mit Aufkommen der Fotografie hat man die Malerei totgesagt. Ich gehe davon aus, dass Kunst – auch traditionelle Kunst – weiter fortbestehen wird, aber der Prozess wichtiger werden kann. Bei manchen Werken kommt es eben darauf an: Wie ist es entstanden und warum. Erst mit der Information kann ich sie würdigen. Bei anderen hingegen ist die Entstehungsweise – KI, Malerei, Fotografie, was auch immer – relativ gleich.
Praktizierende Künstler müssen sich wie zuvor klar platzieren, ein Profil entwickeln und begründen, warum sie welche Entscheidungen getroffen haben. Hier sind also kognitive Fähigkeiten und Artikulationsfähigkeit verlangt. Andererseits spielt aber auch das Charisma und die persönliche Geschichte eines Künstlers eine wichtige Rolle. Künstlerbiographien sind erheblich beliebter als beispielsweise die von Wissenschaftlern. Menschen interessieren sich für Künstler – dies sichert ihnen, so hoffe ich, auch das Fortbestehen.